Auf ihren Nußschalen fahren die Elfen über die Erde. Und wenn sie kentern, ertrinken sie im Boden.
Spannend nicht nur das rote Kleidchen, das sie herübergerettet hat aus leichteren Jahren, spannend auch die Verwandlung. Mit dem Betreten der Tanzfläche ist aus dem Gehfehler eine üble Nachrede, aus der Drallheit eine Feengabe geworden. Sie tanzt? Nein, alles tanzt an ihr, mit ihr. Ein Partner? Geschenkt. Die Arme fliegen, das Fleisch wellt und glättet sich wieder ... Wie der Weinrest im Glas, wenn die Fähre beim Anlegemanöver noch einmal von der Schraube durchgerüttelt wird. Nur legt sie ab. Nur steuert sie, volle Kraft voraus, hinaus in eine ozeanische Hingabe.
Für Meisen werden wir nie flügge, sondern vegetieren am Rande des Erstarrens da-hin, eingebacken in unsere Lethargie wie Sonnenblumenkerne in den Talg dieser winters wachsenden Knödel.
In Diskussionen bei Wahlkämpfen, ja selbst im Forschungsbetrieb, überall wird jetzt um die Lufthoheit gerungen. Man kann das als sprachliche Aufrüstung deuten – oder aber als paramilitärisch getarntes Eingeständnis, daß auch der erfolgreichste Coup, die den Gegner am Boden zerstörende Operation mit dem Ausfahren der Landeklappen endet.
Hierzulande werden Gedichte nicht mehr für Leser, sondern direkt für ihre germanistischen Bevormunder und Substituten geschrieben, und zwar am besten gleich vom Nachwuchs der Zunft. Will sagen, die Lyrik hat ihren Geist aufgegeben. Frohlocken wir also über den Totgeburten. Denn Wiederauferstehung feiern kann doch nur das, was so lange ohne Seele und ohne Hirnströme ausgekommen ist, bis es ruchbar wurde.
Der Regen ist ein Dadaist. Hinter dem Wehr bringt er ein paar stocksteifen Stämmen und einem aufgeblasenen Reifen die Rolle rückwärts bei.
Dasselbe Vergehen und keinerlei Handhabe.
Kunst will bereichern; sie überläßt dem Scharlatan selbst noch das Reflexivpronomen.
'Jetzt komme ich noch einmal und dann nimmermehr.' Um vier Uhr morgens funkelt das Salz auf der Autobahn. Mittags empfiehlt sich zur Verringerung der Unfallge-fahr der Schutzfaktor 12. Dazwischen liegen dreitausendsechshundert Kilometer. Max Webers vielzitierte These von der Entzauberung der Welt ist ein Märchen und – urlaubsreif.
Am zweiten Tag stürmische Animation. Den Liegen am Strand klappt es die Kopfteile auf wie Krokodilsrachen. Vom FFK-Areal kämpfen sich die letzten Aufrechten zurück, die Mütze tief in die Stirn gezogen, das Gemächte taktvoll pendelnd im prickelnden Sandstrahlgebläse.
Wie aus einer umgedrehten Sanduhr füllen sich jeden Morgen die Robbenbänke. Und wer sich dort lange genug bestrahlen läßt, unterscheidet bald zwischen Somnambuhlen und Sonnenbullen.
Nicht bewegt vorgetragen, sondern wenn sich die Wasser über ihnen teilen und ein Film sie eben noch festhält, der in keine Kamera paßt, sind sie am schönsten.
Urlaubskoller heißt der Aufstand des Ancien regime in uns gegen die Machtübernahme der Sansculotten und Pooligane. Er dauert einen bewölkten Tag. Danach empören sich selbst die Barrikaden und wollen wieder Dünen sein.
Fachmännisch und mit Engelsgeduld trennt der Schweißbrenner den Himmel auf. Aber im Schutze der Dunkelheit, wenn der große Bruch steigen soll, finden sich nur noch zahllose wahllose Bohrlöcher, so als hätten Dilettanten in zunehmender Panik das Herzstück des Schlosses zu treffen versucht.
Was die Moralapostel seit Francos Heimgang nicht mehr bewerkstelligen, erledigt der Wind freizügigst. Auf Hunderten von Strandmetern herrscht schiere Sittsamkeit.
Wie vor der großen Katzennummer im Zirkus hat man Gitter abgeladen. Nur sollen sie das Raubzeug nicht ein-, sondern aussperren. Die Anlagen werden mit Wachmännern und Stacheldraht in den Verteidigungszustand versetzt, igeln sich ein. Nachts liegt der Schlaflose in Flutlicht gebadet.
Die Gesichter wechseln so schnell, daß man sich nach acht Tagen als Methusalem zu fühlen beginnt. Schon haftet nichts mehr außer dem Eindruck, die Anfangskonstellation sei – wie immer – die vielversprechendste gewesen und die Beteiligten ansehnlicher oder charaktervoller als die Nachkommenschaft.
Der offizielle Reiseführer von Las Palmas de Gran Canaria weiß im kulturellen Teil zu vermelden: "Die Fassade des Literaturvereins gehört zu den schönsten der Stadt." Das ist eine Auskunft, die so auch für die meisten Metropolen Europas Gültigkeit besitzen dürfte; nur läßt sie sich hier photographisch belegen.
Der totschlägerischen Metaphorik zum Trotz ist die Mordshitze ebenso entwaffnend wie die alles an die Kette der Untätigkeit legende klirrende Kälte. Wenn sie im Ernst zu brüten beginnt, entströmt den Nachmittagen ein Fluidum metaphysischer Ausgekochtheit, in dem die schon siedende Schöpfung ohne einen Seufzer, ohne einen Freudenschrei aufgehen möchte.
Hoch über dem Rondell die Stripper in Steigeisen. Unter ihnen wiegen sich die Palmen, stämmig und bloß.
Mögliche Schlußeinstellung: die Dünen von Maspalomas, das getürkte Kolonialhotel, dahinter der kahle Inselschädel, leicht grünlich in frühlingshaftem Unwohlsein.
Plötzlich ist sie zurück aus der Verschwommenheit und zieht wieder ihre Bahnen, den Kopf bei jedem Zug eine Handbreit zur Seite versetzend. Ein hinkendes Sich-über-Wasser-Halten, in der Erinnerung versunken und nach einem Jahr am gleichen Ort wieder auftauchend wie ein vorwitziges Stück Kork.
Die Presse verträgt das Einfliegen nicht. Ob man ein heimatliches Magazin, eine Wochen- oder Tageszeitung aufblättert, überall die Atemlosigkeiten von dreißigtausend Fuß und verklemmte Sauerstoffmasken.
V-Effekt am Strand: Die Menschheit – und hier muß man den nackten Tatsachen ins Gesicht sehen – besteht keineswegs zum Großteil aus Erwachsenen, sondern aus ...
Nur beim Essen verhüllen sie sich noch. Vielleicht spürt das Fleisch die Verwechselungsgefahr.
In dem ausgebrannten Restaurant an der Avenida de Tirajana haben die Aufräumarbeiten begonnen. Mitten im verkohlten Gastraum steht ein Tisch mit blütenweißer Decke. Dahinter sitzt der Chef, zeichnet Papiere ab, macht lachend Konversation, gibt den Arbeitern Anweisungen, ist überhaupt mit Feuereifer bei der Sache. Mit diesem Bild endet das Märchen von einem, den die Flamme nicht verzehrte, weil er sie schluckte.
Denkfoul. Der Moderator erkennt auf Vorteil und läßt weiterreden.
Über den Bodenwellen die Frühlingsgischt.
Ein Melancholiker packt aus. Wieder Glück im Unglück murrt es aus der zweiten Zuschauerreihe.
Die Höflichkeit selbst, schickte er jeder Wohltat sein 'Gott vergäll's' hinterher.
In der Abendsonne und bei fast zwanzig Grad Lufttemperatur erreichen sie ihren Nordpol, die endlosen Tage, den Ort einer fliegenumschwärmten Wiedergeburt.
Die Religion ist am Boden zerstört und die Literatur auch schon auf die schiefe Bahn geraten. Ihre Talfahrt muß um alles in der Welt aufgehalten werden! – Leichter gesagt als getan. Auf einer Lawine wieder nach oben surfen wäre das vermißte Kunststück.
Bei Niedrigwasser ragt er heraus, ein ungestalter, ein klotziger Brocken. Ist er aber erst einmal untergetaucht, sieht es so aus, als schwimme dort ein großes, unermüdliches, kraftstrotzendes Tier gegen den Strom, als kämpfe sich etwas selbst durch seine Versteinerung nicht ums Leben zu Bringende durch die Erdzeitalter vom Meer zur Quelle empor.
Überlebenstraining im Gästehaus der Universität. Die Einladenden sind mir nicht geheuer, die Zuhörer ein von Apathie und Überforderung gezeichnetes Häuflein. Ich ackere durch den Text, auf den draußen – beschwingte Ehrlichkeit – eine Schwarzdrossel pfeift. Ich pflüge weiter, bis mir gegenüber hinter dem geöffneten Fenster ein Passant erscheint, es sich einrichtet in diesem Rahmen. Da bin ich erlöst.
Es gibt Tage, nach denen taucht man in die Nacht, wie ein in Flammen stehender Mensch sich hineinschleudert in einen uferlosen Strom und sein leise gurgelndes Abwälzen.
Seit Menschengedenken sind die Prinzipienreiter, die Rechthaber, die Gottesanbeter und die Weltmeister der Politik hinter der Kunst her wie hinter einem wilden Tier. Und ebensolange versuchen bestallte Dompteure, unter Literaturzirkusbesuchern auch als Zensoren bekannt, der Bestie das Parieren und ein paar publikumswirksame Kunststücke beizubringen. Ohne durchschlagenden Erfolg, es sei denn bei der Produktion von Kadavern. Solche Niederlagen der Dressur soll es in Zukunft nicht mehr geben. Deshalb züchtet und klont man jetzt doppelgängerische Geschöpfe, die dem Unbändigen äußerlich aufs Haar gleichen, aber ohne Biß und Freiheitsliebe sind. Schon fallen in den Arnen – unter tosendem Applaus – die Gitter. Schon treibt man sie herdenweise in die letzten Savannen, mit Berechnung darauf vertrauend, daß sich das Echte entweder mit dem Falschen vermischen oder aber gegenseitig zur Strecke bringen wird unter dem Flirren der Trugbilder.
Da nach Nestroy die beste Nation die Resignation ist, nimmt es nicht wunder, daß bei aller politischen Hitzköpfigkeit der Thermostat vergeblich um Einwanderer buhlt.
Manchmal fliegen zwei – halsbrecherisch kurvend, dann wieder ruckartig versetzt – so eng Formation, als hätte ein Sehfehler das Einzeltier verdoppelt. Erst wenn sie auseinanderstieben, gewinnt unsere Zeitlupenwelt mühsam wieder Kontur.
Kurze Beine hatten meine Gedanken immer schon. Aber es gab eine Zeit, da war jeder zweite Herr über tausend Füße und entsprechend geländegängig.
Seltsam. Bei der korrekten Trennung von transzendent tritt eine Art Bremsflüssigkeit aus.
Vor den schönsten Aussichten – Selbstmörderzäune.
Sie mit Anklagen und Schmähungen überhäufend folgte er der Dampfwalze, bis die mit lauter Zerknirschung den Rückwärtsgang einlegte.
Eine Drossel sieht aus wie alle anderen, nach liebloser Massenproduktion eben. Nur morgens um fünf hört man lauter Einzelanfertigungen.
Shakespeares Sturm bewegt sich antitragisch vom Heulen und Zähneklappern zur Sphärenharmonie. Das Stück ist märchenhaft und doch ganz in der Welt, weil seine Musik das zitiert und nachspielt, was sie ablöst, so wie Vaughan Williams' Antartica den Blizzard nicht abschafft, sondern zum Klingen bringt, instrumentiert.
Ursprünglich war vielleicht alle Kunst flüchtig: ein verwehendes Sandbild, eine verklingende Geschichte, ein Tanz, ein Spiel, in denen es kein Halten gab. Das heißt, das neue Werk konkurrierte nicht mit den alten, sondern mit einem Phantasma, der Er-innerung an vergangene Kunst. Die aber vergoldete, wie das immer noch ihre Art ist, und trieb das eben Entstehende in den Wettstreit mit dem Nie-Dagewesenen, bevor es, seinerseits fabelhaft geworden, den Stachel zu einer weiteren ästhetischen Überforde-rung abgab. So ist große, ja überirdische Kunst entstanden. Mit dem Aufkommen von Fixierungssystemen von der Schrift bis zur Videokassette und Festplatte aber wird alles ab- und zurückrufbar und damit vor dem prüfenden Blick unweigerlich zu Menschenwerk. Die uneingestandene Enttäuschung des Nachlesens, Nachsehens, Abspielens und Abspulens provoziert jetzt Unterbietungs- und Vergröberungsgesten, die sich deshalb zu Recht avantgardistisch nennen, weil sie ein ganz anderes Eben-noch-Machbares erkunden als ihre Vorläufer. Die wollten an die Grenze nach oben, jene wollen an die nach unten. Wieviel Anmaßung, Ideenlosigkeit, Scharlatanerie und theoretische Inflati-on verträgt das Schöne, bis es sich abkapselt und seine Verächter, Vergeuder, Verspieler ihrem Schicksal überläßt, ist in Erfahrung zu bringen. Rückrufbarkeit mündet so in Revokation. Und die Erinnerung, vormals selbst produktiv und Agent provocateur eines ehrgeizigen Erfindungsreichtums, darf jetzt den Narren geben, der zur allgemeinen Er-heiterung darauf beharrt, daß früher alles viel besser war.
Ruskin hat an einer Stelle wissen lassen, Zeichnen sei die Kunst, ein Stück Papier auf feinsinnige Art zu beschmutzen. Das gilt auch für die Literatur; und je mehr Apparaturen einer als angebliche Arbeitserleichterung zwischen Kopf und Blatt in Gang setzt, desto ausschlaggebender der Tremor.
Verwunderlicherweise sind wir immer noch alltägliche Komplettierer. Zu jeder neuen Stimme am Telefon machen wir uns ein Gesicht und einen Resonanzkörper. Wenn die Betreffenden dann irgendwann vor uns stehen, kommt uns ihr faktisches Erscheinungsbild oft genug unpassend vor, und wir freuen uns auf die Rückkehr in Schall und Rauch, die Verdrängung einer vorlauten Natur aus der Stimmigkeit unserer Fabrikate.
Geburtstagsfeier. Wieviele Ausweglosigkeiten doch an einem Tisch Platz finden.
Beim Griff nach dem Strohhalm hält man unversehens einen Schnappverschluß, ein Zifferblatt, eine Briefmarke zwischen den Fingern. Die nämlich haben sich als fortschrittsresistent erwiesen und waren durch Kronkorken, Digitaldisplays und potthäßliche Computerausdrucke allenfalls kurzfristig zu verdrängen. Jetzt sind sie wieder in ihre Rechte eingesetzt, und bei jedem Blick auf die Armbanduhr läuft uns neuerlich die gute alte Zeit davon.
Und wenn Genie nur der unendlich kostbare, der unendlich jämmerliche Rest von Instinkt wäre?
Geschichte – ein Tummelplatz, ein Rummelplatz zwischen unsagbar und unsäglich.
Brecht erdrosselt. Von wegen zuerst das Fressen, dann die Moral. Ohren auf! Bei Sonnenaufgang singt der leere Magen. Und das Futter hört zu.
Im Riesensarkophag ohne Fenster. Da vorne am Katheder spielt ein Kollege das derzeitige Lieblingsspiel der Zunft: das Wegvernünfteln von Urheberschaft und Originalität, die Vertreibung des Schöpferischen aus der Literatur. Wer den Autor abschafft, so das unausgesprochene Kalkül, wird seine Autorität erben. In Wahrheit bleibt nur eine vollgeplapperte Leere, die gedeckelte Grube, die man dem anderen grub und in der man jetzt gegen den Beton anredet wie ein Buch.
In Halle/Saale sind die Anglisten und Amerikanisten die Nachmieter der 'Staatssicherheit'. Dem Gebäude kann es gleich sein. Auch wenn die Verhörtermine jetzt im Vorlesungsverzeichnis stehen – es werden weiter Erkenntnisse gesammelt.
Zum Geschäftsschluß des Groß- und Kleinhandelns: der Pietäter.
An der Weiche zwischen Weinen und Lachen liegen die Kabel blank. Das verwaiste Reparaturzelt aber wird bei jedem Zug flatterhafter, als ob es aufspringen will.
In all dem Rauschen, in all den Räuschen endlich wieder eine aufgeweckte Stimme. Sie doziert, sie parliert, sie postuliert, sie provoziert nicht; sie legt Zeugnis ab unter den Oberlehrern des Feuilletons. Nein doch, auch das Bekennerische machte sie noch gemein. Vielmehr hat sie das Überzeugenwollen gar nicht nötig. Sie verständigt sich und uns mühelos. Es klingt nicht gut, es klingt nicht richtig, es klingt nach.
Bei der Aussprache muß man fast so vorsichtig sein wie beim Betrieb: Verglasungsanlage. Damit will die Atomindustrie die strahlende Hinterlassenschaft ihrer fetten Jahre beseitigen. Gegenwärtig rührt sie unentwegt wieder auf und um, damit die hochaktiven Flüssigabfälle in ihren Tanks nicht explodieren. Jetzt hat sie sich dazu durchgerungen, ihre Altlasten transparent zu machen, das Liquide durch den Anblick einer Medusa erstarren zu lassen, alles Entartete zu verglasen.
Mit den Flügeln machen sie das V-Zeichen und lassen sich ein paar Meter durchsacken. So will es die Etikette der Sieger und die Niveaulosigkeit der Beute.
Hier ist der Himmel zu Ende. Über den Sternen, heißt es ganz richtig, ziehen sich die Wolken zusammen.
Als hätte ein Riese seinem Sohn durchs Haar gewuschelt, so liegt es da, das Weizenfeld, bevor ihm der Mähdrescher seinen Scheitel zieht.
Wieder einmal ist Order zum Durchzählen ergangen. Schwarzbuch des Kommunismus heißt die neue Bilanz der Opfer. Noch ihre Monotonie erschlägt.
Das All gebiert Sterne über Sterne, die Kosmoslogie, auch nicht faul, überstrahlt sie mit Nova wie: "Der leere Raum ist von Quantenfeldern erfüllt, die in stummem Aufruhr ständig Elementarteilchen freisetzen."
Als König Tarquinius wie ein Marktweib zu feilschen begann, verbrannte die cumäische Sibylle drei ihrer neun Bücher und verlangte den alten Preis für die restlichen sechs. Aber erst nachdem sie das Exempel zum zweiten Mal durchexerziert hatte, fiel der Groschen unter der Krone, und Tarquinius wog die letzten drei Sibyllinischen Schriften mit dem Gold auf, für das er alle neun hätte besitzen können. In der Kunst geht es noch ärger zu als bei der Wahrsagerei. Anfangs fühlt man sich auch dort geschäftstüchtig genug und denkt nicht daran, ihretwegen sein Kapital anzugreifen. Am Ende aber kostet es das Leben, wenigstens ein Zipfelchen des Schönen zu erhaschen, und schon der darf sich glücklich schätzen, der daran über ein einziges Buch hinweg zu Tode geschleift worden ist.
Immerhin Augenzeuge gewesen dieses hellwachen, warmen, wundermilden Bernsteinbraun. Engelspupillen in einem Cafe voller optischer Täuschungen. Das war der Ort, das war die Stunde, wo ich es auf Teufel komm raus zu Ansehen hätte bringen mögen.
Ausgesperrter Sommerglast. Im Zimmer endloses Transformatorenbrummen, dann ein paar trockene synkopische Paukenschläge. Wie das Leben so spielt. Chitin auf Glas.
Zurechtgestoppelt das Feld, weggeputzt die Ähren. Vielleicht hat sich der Mähdrescher doch zuviel zugemutet? Schon steht er am Rand und kriegt den Schüttelfrost. Übers ganze Gesicht strahlend sieht der Fahrer zu, wie sich der Vielfraß über einem Anhänger erbricht.
Wahlkampf der Werbeagenturen: Ein Ehrenbürger schritte die Front ab und prämierte souverän die staatlichsten Ablichtungen der aufgestellten Dunkelmänner.
Nach einem Jahr im Zeichen von Brecht, dem nächsten unter der Schirmherrschaft Fontanes geht über 1999 der Unstern Goethes auf. Da wird der Geheime Oberstudienrat in der ganzen Republik Weimarer Verhältnisse schaffen und im Kulturbetrieb das Faustrecht ausrufen. Wer da nicht Jöte ist, kriegt keine Schnitte mehr.
Unter den Brücken gibt es keine Wasserpflanzen. Alles Getier ist dort nur auf der Durchreise.
Bibliophil war ich nie. Mit einer Bücherwand zur Rechten, die sich aus dem Augenwinkel unter Kontrolle halten läßt, kann ich leben. Aber schon die Vorstellung, die Brut hätte sich in meinem Rücken eingenistet und stierte mir schamlos über die Schulter, erzeugt Leerzeilen und Kopfdruck.
Wer ein ungemeiner Auslöscher werden will, sollte es sich mit der Malerei nicht verderben. "Terpentin hinterläßt eine Spur der Verwüstung", habe ich zum Beispiel im Atelier von Wolfgang Sinwel mitbekommen.
Liegt es an der Abzehrung des Lichts nach der Sonnenwende? Sind es die ausgewachsenen, reisefertigen Jungen? Jedenfalls ist der Hochsommer schon die Zeit der Nachspiele. Zwei, drei Vormittage gastieren noch Durchreisende aus dem Norden, dann kommen die Schwalben von den Dörfern und legen statt bodennaher Zickzackkurse ein paar stadtfeine Parabeln hin, bevor Starentrupps den Dummen August machen und Hals über Kopf die letzten Brosamen wegputzen von der Mauerseglertafel. Danach ist der Himmel leer, es sei denn, die wahren Platzhalter leuchten uns heim – sternenklar.
Märchenhafte Märchenanfänge: "Es war und es war nicht" – "Es war und möge nie mehr sein" – "Es war einmal, wie's keinmal war, denn wäre es nicht gewesen, würde es nicht erzählt". Und ein gutes Ende: "Der Kaiser aber ging davon und wurde Mönch im Lügenkloster jenseits der Wahrheiten".
So wie man in einer Kirche Kerzen aufstellt, um sich gegenüber der Gottheit oder ihren Heiligen ins gefällige Licht zu rücken, so sollte sich auch beim Bibliotheksbesuch eine Devotionsroutine ausbilden. Mir schweben zusammengerollte Buchseiten vor, die man in diesem Tempel der Gelehrsamkeit in eine Halterung steckt und dann mit einem Fünkchen Vernunft in Berührung bringt.
Die beste Musik macht die Lautlosigkeit zur Mitspielerin, die beste Bildhauerei das Ungestalte, die Auslöschung aller Form. Canovas Grabmal für Marie Christine, die Tochter Maria Theresias, ist ein eindrückliches Beispiel dafür: eine Marmorpyramide, auf deren lichtlose Türhöhle sich Kinder-, Frauen- und Greisengestalten zubewegen, um ein paar Schritte später von diesem zur Anschaulichkeit gebrachten Nichts verschluckt zu werden. Das ist die ungeschönte Wahrheit über den Tod, meisterhaft vor Augen ge-führt in der Augustinerkirche zu Wien unter dem aufgesetzten Zeichen des Kreuzes.
Fünf Glasfiberstäbe im Hof der alten Waggonhalle, darauf pendeln sie vor Zugverkehr. Die australische Truppe, bekannt vom letzten Jahr, hat massenhaft Zulauf. Im Mittelpunkt des neuen Stücks steht Ikarus, nein, unübersehbar Ikara. Im hautengen Latexanzug frei kippbar an den Oberschenkeln festgeschnallt tanzt sie – nach vorn, nach hinten geschleudert – den Fall, der auch ein Engelssturz ist und ein lasziver Salomewirbel zwischen den angepflockten Männern. Der Körper da oben ein in der Sonne glänzendes, überbelichtetes Idol, immer venushafter in seiner alles entblößenden Hülle, die sich auch in den Spalt schmiegt, wenn sie zurückgebeugt auf uns niedergedrückt wird, die unten alles statuenhaft glättet, sobald es sie wieder hochreißt in den Himmel, die ihr Geschlecht rhythmisch überspielt und herausmodelliert, das der Truppe den Namen gegeben haben könnte: Strange Fruit.
Was macht man, wenn alle Stricke reißen. Das Genie unserer mesolithischen Vor-fahren fand die Antwort: Fangsteine. Weil größere und also fleischigere Tiere wie etwa das Nashorn zwar in Schlingen gingen, die aus Pflanzenfasern zusammengedrehten Seile aber ruckzuck erledigten, wand man sie nicht mehr um Baumstämme, sondern band brotlaibförmige und in der Mitte taillierte Geröllbrocken daran fest. Jetzt hielt das frühe Tauwerk, weil es nicht mehr überdehnt werden konnte. Die Beutetiere aber schleifen eine Fluchtbremse hinter sich her, gerieten wegen der unfaßbaren Freiheitsberaubung in Panik, hatten sich bald restlos verausgabt und waren schon so gut wie erlegt. Und da der Koloß und die mitgezerrten Brocken unterwegs alles Strauchwerk und Gestrüpp niederwalzten, nahmen die Jäger erstmals jene breite Straße des Erfolgs unter die Füße, bei der wir uns bis heute sicher sind, daß sie zu prallen Bäuchen führt.
"Bier – meine Lethe, mein Nil, meine vorletzte Ölung, mein Weihwasser", hat Jean Paul erklärt – und hört man sie nicht mit, die tiefen Züge dazwischen?
Bei meiner Obduktion wird sich nicht nur herausstellen, welchen Dickschädel ich mit mir herumschleppen mußte, sondern auch ein Bewohner zum Vorschein kommen, der sich gegen meinen erbitterten Widerstand selbst ein Denkmal gesetzt hatte und von Jahr zu Jahr kürzere Sprechstunden hielt.
Den Literaten ins Stammbuch: Lauter werden!
Aus: Hoffungsträger. Späte Aphorismen und ein Entlassungspapier aus dem Dreißigjährigen Krieg. Warendorf 2006.
