Draußen tobt das atomare Inferno – drinnen, in einem unterirdischen Hörsaal, enthüllt ein sonderbar gut gelaunter Wissenschaftler das Ergebnis seiner langjährigen Forschungsarbeit. In einem akademischen „Festvortrag“ gibt der Gelehrte bekannt, „daß es sich bei unserem Planeten um die Strafkolonie der Milchstraße, wenn nicht noch weiterer kosmischer Regionen handelt“. „Alle Neugeborenen der Erde“, so hat der Festredner entdeckt, „sind aus anderen Welten abgeschobene, verbannte und deportierte Schwerst- und Gewaltverbrecher.“ Da die intergalaktische Strafkolonie inzwischen unzumutbar überfüllt sei, habe sich die Milchstraßen-Obrigkeit zur „thermonuklearen Zwangsräumung“ der Erde entschlossen – zu einer atomaren Endlösung, die von den offenbar unverbesserlichen Sträflingen selbst besorgt werde. Ein deutscher Hochschullehrer, der Münsteraner Anglistik-Professor Ulrich Horstmann, 37, hat die makabre Geschichte vom Verbrecherplaneten Erde ersonnen, in der satirischen Science-fiction-Story – Titel: „Das Glück von Om-B’assa“ – läßt eine außerirdische Macht die Erdbewohner einäschern, weil deren kriminelle Energie, wie es scheint, anders nicht zu bändigen ist. Horstmanns schwarze, mit kaltem Schmiß erzählte Utopie schlägt Töne an, die in der deutschen Literaturszene lange nicht zu vernehmen waren. Lakonisch knapp und mit dem bösen Blick eines unbeteiligten, doch genervten Zuschauers schildert er in seinem Roman vertrottelte Intellektuelle und dümmliche Friedensfreunde, die den drohenden Atomkrieg verhindern wollen, sich dabei aber in Konkurrenzkämpfen und läppischen Geschäftsordnungsdebatten verzetteln. (...) Mit wahrhaft deutscher Gründlichkeit räumt Professor Horstmann – ein Radikaler im öffentlichen Dienst – die humanistischen Scheinwerfer ab, die den Homo sapiens seit der Antike als „Krone der Schöpfung“ erstrahlen lassen. Für Horstmann, einen späten Adepten des Weltverneiners Arthur Schopenhauer, hat sich das Gattungswesen Mensch längst als „evolutive Fehlform“ erwiesen, die allen wohlgemeinten Korrekturversuchen beharrlich trotzt.
Blutige Revue: Ein später Schüler Schopenhauers, der Münsteraner Anglist Ulrich Horstmann, erschreckt die Literatur-Szene mit seinen Negativ-Utopien über das Untier Mensch. In: Der Spiegel, 6/1987.
„Patzer“, das neue Buch von Ulrich Horstmann (...) trägt die Gattungsbezeichnung „Roman“. Im vorliegenden Fall ist das als diplomatische, wenngleich etwas verlegene Bezeichnung für ein munteres Geflecht ganz unterschiedlicher literarischer Anteile zu verstehen. Motive und Erzählmuster aus Märchen und Groteske, aus Science Fiction und Komödie lassen sich im Werk des gelernten Literaturtheoretikers unschwer ausmachen. Zu gelehrtem Patchwork ist es dennoch nicht gekommen. Die Geschichte verdankt dies dem wachen Wortsinn, dem Einfallsreichtum und dem genuinen Witz ihres Verfassers. Weniger „erzählt“ Horstmann dabei im Sinne psychologischer Entwicklung. Vielmehr konfrontiert er seinen notorisch überforderten Protagonisten und dessen bodenständige Mitstreiter mit den Segnungen einer im Sauerland „wie in Botswana“ längst schon nur den eigenen Gesetzen noch folgenden Technokratie. Mit Gespür für das sinnliche und idiomatische Detail ist daraus ein ironisches Divertimento geworden – hervorragend ausgependelt zwischen Genreparodie und Kultursatire, dicht und vergnüglich zu lesen. (...) Den erhobenen Zeigefinger aufs Reale, wo oft genug auch „die Wahrheit unter Quarantäne steht“, spart sich der Roman. Der Leser folgt dem Spuk so mutmaßend und entgeistert wie Patzer selbst, Horstmanns Held mit dem Ahornblatt vorm Kopf. Hätte dessen Höllenfahrt eine Botschaft nötig, so vielleicht diese.
JvH: Herbstmanöver. In: Westfälische Nachrichten, 20.10.1990.
Von einer Erzählfigur namens „Patzer“ kann man keine Heldentaten erwarten; aus Versehen hat er vielleicht seine Freundin umgebracht, kann sich freilich daran nicht erinnern, aber der Leser erfährt es letztlich auch nicht, weil der Autor es offenbar am allerwenigsten weiß, und obwohl das die ideale Voraussetzung gewesen wäre, diesen ersten Versuch eines Romans ungeschrieben zu lassen, hat es ihm leider niemand rechtzeitig gesagt.
Werner Fuld: Ein Patzer. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.11.1990.
Kann man sich das vorstellen? Eine wilde Mischung von Elementen, Motiven und Versatzstücken aus Trivialliteratur, Abenteuer- und Agentenroman, Märchenfundus, Science-Fiction-Literatur und modernster Computer-Kriegsspiel-Welt? Das Ganze gebündelt zu einer verrückten Satire, die unter anderem zeitgenössisch-futuristisches High-Tech-Katastrophenmanagement im Visier hat? Man braucht es sich nicht vorzustellen – man kann den jüngsten Roman von Ulrich Horstmann lesen. Und atemlos mit dem „Helden“ Malte-Laurenz Patzer aus „Ostwestfalen“ von Katastrophe zu Katastrophe hecheln, mit ihm „Vernunftaussetzer“ und „schwarze Löcher“ teilen und immer wieder wegtreten: wie er nie wissend, was um zahlreicher Literaturgenres willen denn eigentlich wirklich gespielt wird.
rmb: Ulrich Horstmann: Patzer. In: Der kleine Bund, 11.5.1991.
Was (…) ist mit einer Welt anzufangen, die durch göttliche Großmannssucht Investitionsruine geblieben ist? Horstmanns Antwort in „J“ lautet: Man muss dem Urheber eine Therapie verordnen und ihn zwecks Bewährung und Rehabilitation auf die Erde zurückversetzen. Als folgenschwerster Fehlgriff des Gottes hat der Kontakt mit der Christophorus-Figur im Dom zu Münzmar, einem spiegelbildlich gegeneinander versetzten Amalgamum von Münster und Marburg, zu gelten: Js Unmut lässt das Standbild des Heiligen Tiefsttemperaturen verströmen, so dass unter den Augen der schnell anrückenden Medienmeute der ganze Münzmarer Dom vergletschert. Kirchenmänner, Naturwissenschaftler, der Psychiater Q. Rare und die Medienleute reagieren mit Hilflosigkeit, nicht weil ihre Welt dem Untergang geweiht ist, sondern weil ihre Weltbilder zusammenstürzen. Wichtiger als die Abwehr der Apokalypse erscheint ihre optimale Ausleuchtung auf Fernsehmonitoren. (...) Kurz vor dem planetarischen Super-GAU lässt Horstmann die Handlung mit der Ausgangsposition des ersten Kapitels neu beginnen. Als wäre nichts geschehen und als wäre die Erde nur ein Spielball eines sich in einem lapidaren „einmal ist keinmal“ erschöpfenden demiurgischen Schluckaufs. Trotzdem ist die augenzwinkernde Frage nach dem Ertrag des Romans nicht richtig gestellt, es sei denn, man akzeptiert eine paradoxe Antwort: Die missglückte Wiederherstellung mit all ihren Folgen, dieses groteske und kosmisch-komische Verwirrspiel war nicht umsonst, weil es umsonst war. So legt Horstmann seinem Halbgott in dem Gedichtzyklus „Also spricht Jaldabaoth“ auch die Worte in den Mund: „Selbst / wenn es mein Fehler gewesen wäre, / habe ich keinen gemacht. / Es ist ein Irrtum, / mit den Irrtümern aufzuräumen.“
Frank Müller: Medientaugliche Ausleuchtung der Apokalypse. Gießener Hochschullehrer Ulrich Horstmann legt neuesten Roman „J“ über Pfuschergott Jaldabaoth vor. In: Gießener Anzeiger, 30.1.2002.
Seit Horstmanns Gastaufenthalt an der University of Pretoria, Südafrika im Jahr 1979 kennzeichnet eine geografische Spannung zwischen der westfälischen Provinz Deutschlands und den Staaten Afrikas seine Prosaarbeiten. Dient in der Erzählung „Steintals Vandalenpark“ (1981) Lüderitz als Einschreibfläche für apokalyptische Spekulationen, und grassiert im Roman „Das Glück von OmB’assa“ (1985) die „Hartleibigkeit von Mombasa“ (eine epidemisch um sich greifende Verstopfung), so wird in „Patzer“ (1990) Botswana zum Ausgangspunkt einer außerirdischen Invasion. In der Wüste Afrikas offenbaren sich dem Apokalyptiker Horstmann die Bilder vom Anfang und vom Ende der Menschheit, die „unbegrenzte“ Fortdauer der Welwitschia gilt ihm gar als Kontrapunkt zum Innovationstempo der modernen Zivilisation. (...) Zeitungsüberschriften, Radio- und Fernsehsendungen künden immer wieder von einem angeblichen Wahlbetrug in Windhoek und dem anschließenden Luftangriff der südafrikanischen Armee auf den gut neuntausend Meilen vom Münzmarer Dom entfernten Tintenpalast. Da sich aber beide Bauwerke „wegen eines schweren Dachschadens zum Verwechseln ähnlich sehen“, und sich auch sonst die Bezüge zwischen Neinsberg, Skeleton Coast, Lüderitz, der Etosha-Pfanne und Deutschland immer weiter verdichten, ereilt beide Gegenden schließlich das gleiche „Schicksal“: Die finale Katastrophe bleibt aus. (...) Dazu passt, dass das Geschehen nach dem Muster eines zyklischen Geschichtsbildes wieder gleich von vorne zu beginnen scheint und auf der letzten Seite in Windhoek ein Scharfschütze in Stellung robbt.
Frank Müller: Judgement-Day in Windhoek. Ulrich Horstmanns herrlich überdrehte Romangroteske „J“ spielt zur Hälfte in Namibia. In: Allgemeine Zeitung Namibia, 8.2.2002.
„Das Glück von OmB'assa“ (1985) und „Patzer“ (1990) durchbrechen mit der Schilderung von Beinahe-Katastrophen die „kupierte“ Version der modernen apokalyptischen Erzählung, die nach Auskunft der Literaturwissenschaft die postapokalyptische Zukunft nicht mehr als Neues Jerusalem denkt, sondern als postatomare Landschaft ohne den Menschen. In beiden Büchern findet – trotz aller Ankündigungen – der finale Akt und damit die Erlösung überhaupt nicht mehr statt. Neu geboren wird allenfalls der Einzelne. Diese Relativierung der Menschheitsdämmerung, die in Wirklichkeit keine ist, sollte man sich noch einmal in Erinnerung rufen (...). Vielleicht (...) kann man sogar folgende These wagen: In Horstmanns Prosawerken wird die unterschlagene Apokalypse gleichsam durch die Hintertür wieder hineingespielt, und zwar durch ihr Ausbleiben. Ungleich fataler nämlich als die apokalyptische Reinigung der als unerträglich und schlecht empfundenen Welt ist die „apokalyptische“ Perpetuierung des Übels in endlosen Kreisläufen wie Horstmann sie als Verehrer von Walter M. Millers jr. Roman „A Canticle for Leibowitz“ vor Augen hat. „J“ zeigt, dass es kein Entrinnen vor der göttlich-menschlichen Unnatur gibt, in Münzmar nicht und auch nicht in unserer eigenen aufpolierten Scheinwelt. (...) Das ist Horstmanns zeitgemäße Fassung der klassischen Theodizee: die Rechtfertigung des Übels dieser Welt angesichts eines Gottes, der nicht aus seiner Haut kann.
Frank Müller: Der Roman als Pfuschwerk. Ulrich Horstmanns „J“ erzählt von der Erde als Baustelle, einem missglückten Weltuntergang und der Zerfahrenheit literarischer Produktivität. In: literaturkritik.de, 4. Jahrgang, Nr. 3, März 2002, S. 95-101.
Warum man „J“ gelesen haben muss? Vielleicht, um das Schlossbergcenter, das Fitness-Studio oder die Buchhandlung Elwert mit ganz anderen Augen zu sehen. Oder den Marktplatz. Denn dort beginnen nach Beendigung des Wochenmarktes jene Aufräumarbeiten, die Horstmann zufolge nur als Metapher für einen weit globaleren Prozess zu lesen sind.
Frank Müller: Ein Pfuschergott soll sich bewähren. Ulrich Horstmanns überdrehte Romangroteske „J" spielt in Marburg. In: Neue Marburger Zeitung, 1.3.2002.
Es ist niemand anderes als J, der hier an seiner eigenen Geschichte herumfeilt. Aber er schreibt sie nicht nur auf. Er schreibt sie auf, damit sie passiert und – Vorsicht, Kausalitätsschlinge! – das Erzählen zur Veranlassung für das Erzählte und damit für die Existenz des Erzählers selbst wird. Untermalt vom Quietschen des scheinbar defekten Endlosbandes im Studio „Sandkasten" entsteht so ein melancholisches Bild des literarischen Schöpfungsprozesses: Unvollkommen, aber durch nichts zu vervollkommnen, Geschichten hervorbringend, aber seinerseits Produkt einer fabelhaften Realität. Oder, etwas handfester: Der Roman als Pfuschwerk – so hingeschludert wie die von ihm erzählte Wirklichkeit. Js selbstreflexives Erzählen und Erzähltwerden ist eine Zumutung für den Leser, da es den Text kontingent erscheinen lässt. Aber eine noch größere Zumutung ist, dass es ihn diesem Kontingenten so ostentativ ausliefert.
Frank Müller: Der Roman als Pfuschwerk. Über Ulrich Horstmanns herrlich überdrehte Romangroteske „J – Ein Halbweltroman.“ In: Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, Nr. 126: architext. Wien 2002, S. 42-44.
Münzmar heißt die Stadt, in der die Geschichte spielt, doch schnell wird klar, dass hier viel Marburger Lokalkolorit eingeflossen ist. Von der Oberstadt über das Klinikum bis zu diversen Cafés und Fitness-Studios kann der Leser die aberwitzige Story auf Schritt und Tritt mitverfolgen. Mit einer Heiligenfigur im Münzmarer Dom geschehen wundersame Dinge, eine Journalistin heftet sich an die Fersen des Halbgotts, Fernsehteams werden hektisch, polnische Pilger kommen und Uni-Professoren sind ratlos – „J“ ist eine ebenso unterhaltsame wie absurde und vor allen Dingen stilistisch anspruchsvolle Geschichte, in der dem Leser viel bekannt vorkommt, jedoch nichts so ist, wie wir es aus dem Alltag kennen. „J“ von Dr. Ulrich Horstmann erscheint ab heute täglich in der OP auf der Seite „KULTUR / ROMAN“. Internet-Nutzer erfahren mehr über die Arbeit Dr. Ulrich Horstmanns auf seiner Homepage www.untier.de.“
Carsten Beckmann: Auf der Stadtautobahn sitzt ein Halbgott auf der Leitplanke. Dr. Ulrich Horstmanns „J“ erscheint ab heute in der OP als Fortsetzungsroman. In: Oberhessische Presse, 10.5.2002.
