So unspektakulär wie möglich sollte er in die Tat umgesetzt werden, Ulrich Horstmanns behutsamer Annäherungsversuch an einen Dichter, der „auf Distanz hielt“ und der sich den Zudringlichkeiten seiner Zeitgenossen fintenreich zu entziehen wusste. Der Giessener Amerikanist (...) ist erklärter Gegner einer nassforschen Lehrbuch-Philologie, deren Handwerkszeug „in solchen Fällen oft grobschlächtig und taktlos“ wirkt. Horstmanns Deutung empfiehlt sich durch den subtileren Umgang mit der Berührungsangst ihres Gegenübers. Soviel scheint sicher: Robinson Jeffers (1887 bis 1962), dessen Gedichte Gegenstand des vorgelegten Bandes sind, hätte vor dem „wichtigen Versuch über den großen Unzeitgemässen der amerikanischen Literatur“ (Botho Strauss) den Hut gezogen. Horstmanns Sondierungsversuche wollen den Eigensinn und die tiefverwurzelte Fremdheit des Exzentrikers Jeffers nicht beschönigen. Und so bläst dem Leser die steife Brise in den abweisend-trotzigen Bildern aus Jeffers’ Zufluchtsort, dem zerklüfteten und unbezähmbaren Carmel-by-the-Sea, mitten ins Gesicht. Leitmotivisch erscheint Jeffers' Anverwandlung an den „solidesten Aggregatzustand“, das Erratische und Steinerne: Da verbreiten sagenhafte Riesen als „Abgesandte des Anorganischen“ ihre emotionale Kälte, da würdigt ein „Höhlengedicht“ eine uns bevorstehende neue „Prähistorie“. Konturierende Ausführungen zur Wissenschafts-, Philosophie- und Literaturgeschichte verleihen Horstmanns Versenkung in die Steintal-Lyrik Bodenhaftung.
Frank Müller: Im Steintal der Lyrik. In: Neue Zürcher Zeitung, 19./20.12.1998. (Zu: „Jeffers-Meditationen“)
Wer mit Horstmann genauer hinsieht, der könnte bemerken, dass hinter der Fassade des hoch spezialisierten Sachverstandes und der philologischen Imponierrhetorik das autistische Selbst- und Irrläufertum der Metadiskurse am Werk ist. Über ihre wahnhafte Theorieproduktion hat die Literaturtheorie den Gegenstand ihrer Bemühungen – die Literatur – nämlich längst aus dem Blick verloren. (...) Ein Leichenbegängnis (...) zelebrieren die postmodern monologisierenden Experten, indem sie den Autor aus der Interpretationspraxis entfernen, um den Platz des werten Verblichenen gleich anschließend wieder neu zu besetzen: durch die zur Kunstform stilisierte Wissenschaftsrhetorik selbst. Wo einst dichterische Freiheit herrschte, plappern die gelehrten Kommentatoren, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist – willkürlich, ohne Rücksicht auf Begriffsdefinitionen und Begründungen. (...) Auch wenn der „Fachmann“ Gefahr läuft, zum „Flachkopf“ zu werden, kann Horstmann aus seinem ernüchternden Befund noch Funken der Hoffnung schlagen. Zum Beispiel, indem er zwecks Austreibung der papiernen Theoriegespenster Auskunft bei drei Insidern (David Lodge, Terry Eagleton und Malcolm Bradbury) einholt, denen die literarische Primärerfahrung noch nicht unter den Füßen weggebrochen ist. Und die sich, nicht anders als auch ihr Gießener Fürsprecher, aufgrund ihrer Doppelbegabung unversehens zwischen den Stühlen wiederfinden. Die rare Spezies der Schriftstellerwissenschaftler zeigt, wie die arrivierte Philologie von ihrem hohen Roß heruntersteigen und theoretisch „absatteln“ könnte. In dieser Demutshaltung erst würde sie den Kunstwerken die verdiente Hochachtung und Bewunderung zollen und sich – wer weiß – vielleicht auch der von Horstmann mit funkelndem Sprachwitz vorgetragenen Selbstironie befleißigen.
Frank Müller: Literaturwissenschaft ohne Literatur. In „Ausgewiesene Experten“ verteilt Horstmann Kopfnüsse an philologische Zunftgenossen. In: Gießener Anzeiger, 27.5.2003.
Nicht anders als sein Interpret (...), so gehört auch Coetzee jenen Berufszwittern an, die als „Schriftstellerwissenschaftler“ analysierend und theoretisierend mit Texten umgehen, gleichzeitig aber Schöpfer sind, das heißt: Literatur zu Papier bringen. Nichts wäre für Horstmann also einfacher gewesen, als sein eigenes Selbstverständnis: „Ich lasse mich nicht [...] auseinanderdividieren. Wenn ich über Literatur rede, bin ich kein anderer als der, der sie zu Papier bringt, und ich halte diese Personalunion nicht für ein Handicap, sondern für das genaue Gegenteil“ getreulich auf den Doppelgänger Coetzee abzuspiegeln, der ganz Ähnliches verlautbart: „People ask me wether I feel any rupture between my life as an academic and my life as a writer and the answer is: no“. Aber weit gefehlt, entpuppt sich die von Coetzee behauptete friedliche Koexistenz von literarischer Tätigkeit und literaturwissenschaftlicher wie literaturgeschichtlicher Praxis bei genauerer Betrachtung doch als nicht unter einen Hut zu bekommende Doppelgesichtigkeit. Während die Sekundärliteratur Coetzee Deckungsgleichheit und Konformität abkauft, geht unter Horstmanns Analyse das Wunschbild der Eintracht in Stücke: Der Literaturwissenschaftler Coetzee, ganz den tonangebenden postmodernen Dogmen verpflichtet, pfuscht dem Schriftsteller ständig ins Handwerk. Was dabei herauskommt? Waren Horstmann postmoderne Schlüsselkonzepte wie metafiktionale Selbstbezüglichkeit oder das Untergraben von Autorschaft und Autorität immer schon ein Dorn im Auge (...), so ist es undenkbar, dass er Coetzee das Wegvernünfteln literarischer Primärerfahrung so einfach durchgehen lässt. Und wirklich: Coetzee habe, so heißt es, zumindest bis „Foe“ (1986) „Theorieliteratur“ hervorgebracht, in der „der Erzähler JMC [...] den nächsten Auftritt des Herrn Professor vorbereiten [darf]“. Anschließend beginnt – gottlob – jedoch ein „Entproblematisieren“, eine literarische Reorientierung. Zu ihr gehören das Eingeständnis eines rückhaltlosen Ausgeliefertseins an die Kunst und an ihre Spielregeln genauso wie die Absetzbewegung von poststrukturalistischen Paradigmen in das Niemandsland der Geschichten.
Frank Müller: Horstmann vs. Coetzee. Ein Härtetest für den Literaturnobelpreisträger. In: literaturkritik.de, 7. Jahrgang, Nr. 10, Oktober 2005, S. 161-163. (Zu: „J.M. Coetzee – Vorhaltungen“)
Horstmanns jüngstes Buch handelt also von einer Reihe AutorInnen (es handelt sich fast ausschließlich um solche männlichen Geschlechts), die das Schreiben aus freien Stücken aufgaben. Unter ihnen sind so illustre Namen wie Friedrich Hölderlin, Arthur Rimbaud, Samuel Beckett und Arno Schmidt, aber auch weit unbekanntere wie Walter M. Miller, (...) oder wie Laura Riding Jackson. (...) Ausgewiesene KennerInnen der Literaturgeschichte werden bemerken, dass die genannten AutorInnen alle im 19. und 20. Jahrhundert schrieben und verstummten. Horstmanns Untersuchungszeitraum erstreckt sich somit über etwa zwei Jahrhunderte und umfasst die „romantischen, modernen und postmodernen Avantgarden“ der Literatur, die sich dem Autor zufolge einem „ständig wachsenden Innovationsdruck“ ausgesetzt sahen, der ihnen einen „Lernprozeß von nie dagewesener Rigorosität und Schmerzhaftigkeit“ zugemutet habe, da er die „Aufgabe der Literatur um die Aufgabe der Literatur erweitert(e)“. In den „sechs oder sieben Generationen“ dieser Zeit sei nun „etwas Bemerkenswertes“ geschehen. Denn die AutorInnen lernten im Laufe der Generationen mit dem Verstummen umzugehen, das über diejenigen, die zu Beginn des Untersuchungszeitraums schrieben, noch „mit vernichtender Gewalt“ hereingebrochen war. (...) Wie stets weiß Horstmann auch diesmal unterhaltsam zu formulieren, und dann und wann auch einmal zu fabulieren. Vor allem aber eröffnet er manch neue Perspektive auf das Schreiben der behandelten AutorInnen und deren Verstummen. Und wenn Horstmann seine Arbeit mit den Worten ausklingen lässt „Humpelnd trete ich zurück, trete ich weg in die lückenhafte, in die nicht mehr auf Vordermann zu bringende Reihe derer, die gelernt haben, sich abzuschreiben“, so legen nicht nur diese letzten Zeilen den Schluss nahe, dass er mit dem vorliegenden Buch über das literarische Verstummen seiner KollegInnen beginnt, das literarische Verstummen seiner selbst ins Werk zu setzen.
Rolf Löchel: Wie man sein literarisches Verstummen ins Werk setzt. Ulrich Horstmann über die Aufgabe der Literatur. In: literaturkritik.de, 11. Jahrgang, Nr. 10, Oktober 2009, S. 247-250. (Zu: „Die Aufgabe der Literatur“)
Das Stichwort kam von George Steiner. In seinem Aufsatz „Silence and the Poet“ deutet er das selbstverordnete Schweigen der Artikuliertesten als Phänomen der Moderne, erstmals verkörpert in ihren poetischen Propheten Hölderlin und Rimbaud. Von dieser Anregung ausgehend, entwirft Ulrich Horstmann eine Porträtgalerie literarischer Laufbahn-Abbrecher, um in ihren höchst unterschiedlichen künstlerischen Physiognomien nach einer verborgenen Familienähnlichkeit zu forschen. Das Ergebnis ist ein originelles Kapitel vergleichender Literaturgeschichte. Als Präludium wird der Chronik all dieser Irrenhäusler, Alkoholiker, Selbstmörder, Spiegelfechter und sonstigen schöpferisch Blockierten ein scheinbar ganz anders gelagerter Fall aus einer anderen Kunstsparte vorangestellt – der Fall Rossini. (...) Als versierter Essayist und Aphoristiker in Sachen Melancholie liebt Horstmann das Paradoxon, ein zugleich erkenntnisförderndes und ironische Distanz schaffendes Stilmittel. Wie also, wenn man in der vermeintlichen Katastrophe der Scheiternden Spuren eines inneren Gelingens, eine besondere Eloquenz des Verstummens entdeckte? (...) Die Weigerung der Koeppen, Hildesheimer und Larkin, Entbehrliches zu Papier zu bringen, ihr Widerstand gegen den Druck des Marktes, ihre tiefe Welt- und Betriebsskepsis findet den einvernehmlichen Chronisten in Ulrich Horstmann, dem Freund skeptischer Pointierung. Als komischen Heiligen der Sezession ins Abseits feiert er jenen Gottlieb Theodor Pilz aus Hildesheimers „Lieblosen Legenden“, der sich durch die Förderung der Nichtexistenz von Werken um die Kultur verdient gemacht hat. Freilich, wie uralt die Klage über die ewig anschwellende substanzlose Bücherflut ist, muss man dem Autor nicht eigens sagen. Schließlich hat er selbst Burtons „Anatomie der Melancholie“ übersetzt, in der wir lesen: „Es ist wahr, vielen juckt ihr literarisches Fell, und das Bücherschreiben nimmt kein Ende, besonders in unseren Kritzelzeiten, in denen die Druckerzeugnisse Legion sind ...“, gefolgt von dem entwaffnenden Nachsatz: „Ich selbst bin in dieser Beziehung keine Ausnahme.“ Der Angeklagte ist geständig.
Werner von Koppenfels: Dieses Nixtun muss man erst einmal hinkriegen. Strategien des Verstummens: Ulrich Horstmann betrachtet den literarischen Bankrott als Kunstform und untersucht die Eloquenz des Schweigens in der modernen Literatur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2009. (Zu: „Die Aufgabe der Literatur“)
Die Götter schweigen, die Musen gehen fremd, und zuletzt setzt auch die Stimulationskraft des einsam vor sich hin blinkenden Cursors aus. Keine Eingebung, keine Eingabe weit und breit. Was machen Dichter, deren innere Stimme versiegt, deren Fingerspitzen taub werden, denen das Gefühl für den Eigensinn der Worte abhandenkommt? Was heisst es für sie, nicht mehr zu können, nicht mehr wollen zu können oder noch vertrackter: nicht mehr können zu wollen? Und wie setzen sie diesen Verlust ins Werk? Der Literaturwissenschafter, Schriftsteller und Übersetzer Ulrich Horstmann hat solchen vorletzten Fragen einen ebenso leidenschaftlichen wie konzisen Essay gewidmet. Horstmann, der sich schon lange mit der Theorie oder besser gesagt mit der Teleologie des Negativen befasst (...), erweist sich einmal mehr als prospektiver Schwarzseher. Indem er uns mit versierter Dialektik zeigt, wie aus Not und Tragik Tugend und Taktik wird. Seine gelegentlich etwas steile Rhetorik verzeiht man ihm dabei gern, ihr steht die Angst vor dem eigenen Verstummen im Gesicht, und so scheint sie eine Art Selbstimmunisierung gegen das behandelte Thema zu sein. (...) Überlebenskünstler sind sie alle, die exakt 13 Dichterinnen und Dichter, die uns der Autor in seinem Kompendium der ins Schweigen Aufbrechenden oder mit dem Schreiben Abbrechenden vorführt. (...) So zeigt uns Horstmann in kurzen, manchmal gewagten Strichen, wie Autoren einen Strich unter ihr Werk ziehen. Nicht immer muss ein Strick daraus werden. Darüber hinaus legt er uns aber auch eine kleine Geschichtsphilosophie des Verstummens vor. Durch seine gezielte Auswahl sich selbst abschreibender Dichter wird nämlich klar, dass mit dem Versiegen des genialischen Furors oder mit dem Versagen avantgardistischer Innovationskraft noch ganz anders gehadert wurde als mit dem therapierbaren Schreibstau von heute. Mit dem anything goes, dem zunehmend handwerklichen Bezug zum Schreiben und mit der Inflation des Geschriebenen scheint auch das Aufhören leichter zu fallen.
Andreas Langenbacher: Wie aufhören? Ulrich Horstmann sinniert über „Die Aufgabe der Literatur“. Neue Zürcher Zeitung, 17.12.2009.
